Ein Ort zum Abschiednehmen Schwanger - wer sich ein Kind wünscht, empfindet bei dieser Nachricht eine überwältigende Freude. Umso größer der Schock, wenn eine Fehl- oder Totgeburt das Baby im Bauch aus dem Leben reißt.
Einen Ort zum Trauern bietet betroffenen Eltern der Friedhof am Herder im Burgerfeld: Dort finden auf Initiative der Triamed Kreisklinik Wasserburg zwei- bis dreimal im Jahr Bestattungen von Fehlgeburten statt.
Wasserburg - «Für immer in unseren Herzen» steht auf dem Stein der Grabstätte, in der am morgigen Donnerstag um 14 Uhr all jene Babys mit einem Gewicht unter 500 Gramm ihre letzte Ruhe finden, die in den vergangenen Monaten in der Kreisklinik Wasserburg landeten. Etwa ein Drittel bis die Hälfte aller betroffenen Eltern nutzt nach Angaben von Oberärztin Anja Britta Stopik das Angebot, an der Trauerfeier mit anschließender Bestattung im Gemeinschaftsgrab teilzunehmen.
Mütter und Väter, die der Beerdigung fernbleiben, finden hier auch nach dem Begräbnis Trost. Denn sie wissen: Hier liegt auch unser Baby begraben. Deshalb suchen nach Erfahrungen von Krankenhausseelsorger Andreas Demmel viele Angehörige auch nach dem Bestattungstermin das Grab auf. «Trauernde Eltern benötigen einen Ort zum Abschiednehmen», weiß er.
Bis 2006 gab es diesen Trauerplatz nicht: Fehlgeburten unter 500 Gramm waren nicht bestattungspflichtig. Das verstorbene Kind verschwand in der Pathologie und damit in der Regel spurlos aus dem Leben der Eltern. «Wo ist mein Kind geblieben?» Diese Frage stellte sich nach Erfahrungen der Oberärztin häufig. Den Eltern fehlte ein Ort, mit dem sie ihr verstorbenes Kind gedanklich verbinden konnten. Die Trauerarbeit entwickelte sich zu einem diffusen Prozess. «Das Geschehene erscheint unwirklich, die Trauer grundlos», berichtet eine betroffene Mutter.
Wenn möglich, lässt die Geburtshilfe in Wasserburg betroffenen Eltern viel Zeit und Raum zum Abschiednehmen. Mütter und Väter dürfen ihr totes Baby anschauen, berühren, in den Arm nehmen - «bei sich haben, um sich in aller Ruhe zu verabschieden», berichtet Anja Britta Stopik. Wenn gewünscht, erhält das Kind auch den kirchlichen Segen, ergänzt Diakon Demmel. Der Klinikseelsorger bietet sich auch für Gespräche an. Denn er weiß: «Das Ausmaß der Trauer um ein Kind, das nur kurz oder gar nicht gelebt hat, wird meist unterschätzt - von den Betroffenen selbst, aber auch von Freunden und Verwandten.»
Trauernde Eltern würden oft von der Außenwelt mit Beschwichtigungen konfrontiert, die eher weh als gut tun würden. «Du bist jung, du kannst noch andere Kinder haben. Du hast es ja gar nicht gekannt. Man weiß nie, wozu es gut war», seien typische Phrasen.
Frauen fühlen sich nach einer glücklosen Schwangerschaft oft allein gelassen, ergänzt Anja Britta Stopik. «Sie suchen die Schuld bei sich, machen sich Vorwürfe - etwa weil sie glauben, sie hätten zu viel gearbeitet, sich nicht ausreichend geschont», berichtet die Oberärztin. Noch schwerer wiege die vermeintliche Schuld, wenn das Baby unerwünscht gewesen sei. Betroffene Mütter fühlten sich durch den Tod abgestraft. In Gesprächen bemüht sich die Gynäkologin die Selbstzweifel aus der Welt zu räumen. Und Mut zu machen, denn jede weitere Schwangerschaft ist nach einer Fehl- oder Totgeburt von vielen Ängsten begleitet. Der Verlust eines Kindes - mag es auch erst ein paar Wochen im Bauch präsent gewesen sein - begleitet das weitere Familienleben. «Selbst 30, 40 Jahre danach kommt das Geschehene noch hoch», weiß Demmel. Deshalb ist die Grabstelle auf dem Friedhof am Herder, welche die Stadt kostenlos zur Verfügung gestellt hat, immer wieder auch Anlaufstelle für ältere Frauen, die hier zu einem kurzen Gebet innehalten. Frische Blumen stehen hier oft.
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